Beate Szillis-Kappelhoff, Prußen - die ersten Preußen

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Rezensionen:

Kulturpolitische Korrespondenz, Juli 2013

Beate Szillis-Kappelhoff: Prußen – die ersten Preußen. Geschichte und Kultur eines untergegangenen Volkes, Beltheim-Schnellbach (Bublies-Verlag) 2012, 358 Seiten, zahlreiche Abbildungen.

Gisela Graichen und Matthias Gretzschel: Die Prussen. Der Untergang eines Volkes und sein preußisches Erbe. Frankfurt am Main 2010, 240 Seiten. 22 Abbildungen, zwei Übersichtskarten.

Unterschiedlicher können zwei Bücher, die sich mit dem Volk der Prußen befassen, kaum sein: auf der einen Seite bieten zwei Journalisten eine Reihe von weitgehend oberflächlichen Features an, die mit dem Volk der Prußen im Kern reichlich wenig zu tun haben, auf der anderen Seite gelingt es einer Pädagogin, eine kenntnisreiche und detaillierte Darstellung der Prußen vorzulegen, die dem Leser dieses untergegangene Volk facettenreich lebendig werden lässt.

Die beiden Journalisten Gisela Graichen und Matthias Gretzschel gehen zunächst der bekannten Ostsiedlung durch den Deutschen Orden nach, wie man sie in vielen Geschichten von Bruno Schumacher bis Hartmut Boockmann, die von den Autoren nicht konsultiert wurden, besser nachlesen kann. Dann folgt ein Kapitel über die Alterthumsgesellschaft Prussia und das Prussia-Museum im Königsberger Schloss, das auch ohne die Berücksichtigung der Forschungen von Wulf D. Wagner auskommt. Und schließlich folgt noch ein Kapitel über die Grabungen in Wiskiauten, bei denen die Archäologen Timo Ibsen (Kiel) und Wladimir Kulakow (Kaliningrad) mit ihren Studenten zusammenarbeiten. Hier gewinnt die Darstellung Tatort-Charakter, wenn der russische Geheimdienst aufgeboten und Grenzschikanen geschildert werden.

Das Buch ist locker geschrieben, aber sehr lücken- und fehlerhaft recherchiert. Da werden aus den Hochmeistern des Deutschen Ordens "Großmeister" (passim), wie sie nur in anderen Orden vorkamen oder auch in der Schachwelt bekannt sind, die Bulle von Rimini unterzeichnet Friedrich I. Barbarossa 1226 (Seite 60), der zu dem Zeitpunkt schon 36 Jahre tot war, an Stelle des hauptsächlich in Sizilien residierenden Friedrichs II. Besonders amüsant ist die Belehrung des Lesers auf Seite 63, dass der Autor des historischen Romans "Heinrich von Plauen" "oft mit dem gleichnamigen Autor des 20. Jahrhunderts verwechselt wird", um dem Dichter der "Jerominkinder" Ernst Wiechert (1887-1950) dann doch den historischen Roman von Ernst Wichert (1831-1902) unterzujubeln, ein Fehler, der auch ins Literaturverzeichnis übernommen wird (S. 239).

Auf Seite 75 erscheint Ottokar I. statt Ottokar II., der tatsächlich der Namensgeber Königsbergs ist. Albrecht I. (S. 97), der Bär, lebte von 1100-1170; Albrecht von Brandenburg-Ansbach, der Königsberger Universitätsgründer, trägt keine römische Ziffer. Im Schloss gab es keine "Domkirche" (S. 101/102), sondern – wie der Name schon sagt – eine Schlosskirche. Auf Seite 144 wird die Legende vom nachgebenden Baugrund unter dem "Haus der Räte" ein weiteres Mal erzählt. Richtig ist, dass der Bau infolge eines von Moskau verfügten Baustopps für öffentliche Gebäude in den 1980-er Jahren zum Erliegen kam und seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ein Spekulationsobjekt ist. Der zum "Architekten" promovierte Dombaumeister Igor Odinzow (S. 145) ist Bauingenieur, was seine Verdienste nicht schmälert.

Auf Seite 175 wird unrichtig behauptet, dass sich Kaliningrad während des Stadtjubiläums vom 1.-3. Juli 2005 "erstmals ihrer langen deutschen Geschichte erinnert" habe. Das war bereits im September 1994 der Fall gewesen, als mit zahlreichen Veranstaltungen und vor allem in lange vorbereiteter russisch-deutscher Zusammenarbeit das 450. Universitätsjubiläum der Albertina feierlich begangen wurde und über tausend Wissenschaftler aus einem Dutzend Nationen teilnahmen. Im Übrigen wurde das Stadtjubiläum 2005 nicht nur Anfang Juli, sondern vor allem in der ersten Augusthälfte mit zahlreichen deutsch-russischen Veranstaltungen – Ausstellungen, Konzerten, Gottesdiensten, internationalen Begegnungen – gefeiert. Aber Journalisten sind oft eher an großen Namen interessiert, weniger an dem, was tatsächlich geschieht.

An all diesen Korrekturen, die nur in Auswahl angesprochen wurden, ist festzustellen, dass es in dem Buch sicher um viele interessante Themen geht, aber jedenfalls nicht um die Prußen, die in der Darstellung nur ein Schattendasein führen. Warum der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz dieses Werk mit einem Geleitwort gewürdigt hat, erschließt sich dem Leser nicht.

Das Buch von Beate Szillis-Kappelhoff ist eine wahre Fundgrube von Erkenntnissen und Wissen über die Prußen, das diesem untergegangenen Volk gerecht zu werden versucht und dieses Ziel auch erreicht. Ausführlich wird die Geschichte der Prußen geschildert, ihre Freiheitskämpfe und schließliche Unterwerfung, ihr Leben auf dem Lande und in der Wildnis, Fischerei und Waldbienenzucht, häusliches Leben und Musik, Schrift und Sprache. Vor dem Leser wird dieses Volk ganz plastisch präsent, was die zahlreichen Abbildungen noch unterstreichen.

In einem zweiten Teil werden alle zwölf Prußenstämme detailliert vorgestellt und damit dem Vergessen entrissen. Besonders aufschlussreich und interessant ist das Kapitel über die Religion der Prußen, ihre Göttinnen und Götter und ihre Riten, die vor allem die Lebenseckpunkte Geburt (die Rodynes-Zeremonie – das Zurschaustellen des/der Neugeborenen, S. 206 ff.), Verlobung (die köstliche Schilderung der Tätigkeit des Heiratsvermittlers, S. 210 ff.), Hochzeit (Kleidung, Tanz, Trinkgebräuche, S. 212 ff.) und Tod (die Wêle eines Sterbenden wanderte zu den Göttern, seine Dusin bestand weiter in Pflanzen und Tieren in der Nähe und hielt Kontakt zu den Lebenden, S. 215 ff.) prägten. Auch das Weiterleben dieser religiösen Gebräuche, ja das gleichberechtigte Nebeneinander der heidnischen und christlichen Rituale in der Christenzeit wird geschildert.

Im vierten Kapitel lernt der Leser das nachbarliche Umfeld der Prußen kennen: die Kuren und Karschauer, die Žemaiten und Litauer, die Kaschuben, Masovier, Kujavier und Polen – ein reichhaltiger Einblick in die mittelalterliche Vielfalt in dieser Region Nordosteuropas.

Das letzte Kapitel "Prußen heute" enthält zunächst ein umfangreiches Orts- und Gewässernamenverzeichnis von Allenburg (Natangen) bis Zoppot (Kaschubei) mit reichhaltigen und oft vielseitigen etymologischen Erklärungen. So ist die für den Fluss Pregel, an dem Königsberg liegt, angebotene prußische Deutung "preigillis": an der tiefen Stelle (S. 274 f.), wie in den meisten anderen Fällen auch, nur eine der von der Autorin angeführten linguistischen Quellen. In gleicher Weise werden die Königsberger Stadtteile ausführlich gedeutet und man erfährt, dass Juditten (Samland) vom prußischen, die Landschaft beschreibenden Gaudityn ("gaudis": wehmütig, "judas": schwarz, finster) (S. 290) abgeleitet werden kann.

Ergänzt werden diese Analysen von einer 17-Seiten umfassenden Liste prußischer Gottheiten (S. 297-313), in der alphabetisch mehr als 150 Gottheiten (Autrimpas – Gott des Meeres), Göttergruppen (Perkunos, Potrimpos, Patolos – die drei wichtigsten Götter der zweiten Rangebene für Donner, Fruchtbarkeit und Tod), Gebete (Diewe wam padek! – Gott helfe mir!), Begriffe (alkaimas – Götterdorf) und Erklärungen (waidlit – Gottesdienst halten, sehen, vorhersehen) aufgeführt sind.

Eine Zeittafel (S. 314-328), eine umfangreiche Literaturliste (S. 329-354) und Weblinks (S. 355-357) runden dieses einmalige Werk ab.

Die Autorin hat ihr Leben lang Physik, Chemie, Mathematik und Musik gelehrt, aber im Laufe ihres Lebens ihre Interessen auf Archäologie, Geschichte, Geografie, heidnische Religion, baltische Musik, Kulturgeschichte und Kulturtechniken in Handwerk, Hauswirtschaft, Landwirtschaft und Fischerei ausgedehnt, sich mit baltischen Sprachen, baltischen Völkern und Stämmen, Kriegsführungen, Namenkunde und vielem mehr beschäftigt. Der Ertrag dieser Kenntnisse und dieses Fleißes ist das vorliegende Buch: ein Kompendium über das Volk der Prußen, das zugleich eine Hommage darstellt an die Menschen, die das großartige Land, das bis heute mit ihrem Namen verbunden ist, lange Jahrhunderte bewohnten, ehe der Deutsche Orden im 13. Jahrhundert dort auftauchte.

Klaus Weigelt (KK)

Geschichte und Kultur eines untergegangenen Volkes

395 Seiten, Paperback

ISBN 978-3-938176-48-1

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Beate Szillis-Kappelhoff widmet sich in dieser ersten umfassenden Darstellung der Geschichte und Kultur der Prußen, jenem geheimnisvollen Volk, das dem späteren Staat Preußen seinen Namen gab.
Über viele Jahhunderte verteidigten die Prußen, die zur baltischen Sprachfamilie gehörten, tapfer und zäh ihr Siedlungsgebiet zwischen der Weichsel und der Minge, also dem späteren West- und Ostpreußen. Schon zu Beginn des 11. Jahrhunderts hatten sich die Prußen stetig zunehmender Übergiffe der Polen zu erwehren, die eine Verbindung zur Ostsee suchten. Als sie zu Beginn des 13. Jahrhunderts aus der reinen Verteidigung zu Vergeltungsschlägen gegen das nordpolnische, masowische Gebiet übergingen, rief der polnische Herzog Konrad von Masowien den Deutschen Orden um Hilfe. Im Laufe des 13. Jahrhunderts gelang es den Rittern des Deutschen Ordens in einem besonders brutal geführten Eroberungskrieg, die Prußen zu besiegen und schließlich zu christianisieren. Aber es dauerte noch Jahrhunderte, bis die Sprache und Kultur der Prußen durch Unterdrückung, Missionierung und Assimilation verloren gingen. Dieses Buch begibt sich auf die Spurensuche nach der versunkenen Kultur des einst so kämpferischen und stolzen Volkes der Prußen.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort /

Geografische Lage /

Die Prußen /

Eigenname, Fehlschreibungen und Aussprache /

Besetzungen durch den Deutschen Orden /

Sonderrolle Memelgebiet /

Unterwerfung /

Freiheitskämpfe /

Lage der ländlichen Bevölkerung /

Fischerei /

Wildnis /

Waldbienenzucht /

Häusliches Leben /

Angebliche Ausrottung /

Schrift der Prußen /

Sprache, Sprachdenkmäler, Namen /

Musik /

Die zwölf Prußenstämme /

Die Sage von Bruteno und Widewuto und Brutenos Nachfolger /

Barta (Barten) /

Chelmo (Kulmerland) mit Lubawa (Michelauer Land) /

Lubawa (Löbau, Michelauer Land) /

Galindo (Galindien) /

Nadruwa (Nadrauen) /

Notanga (Natangen) /

Pagude (Pogesanien) /

Pamede (Pomesanien) /

Same (Samland) /

Sasna (Sassen) /

Skalwa (Schalauen) /

Suduwa (Sudauen/ Jatwingen) /

Warme (Ermland) /

Religion der Prußen /

Die Naturreligion /

Göttinnen, Schlangen und Kröten /

Götter, Pferde und Ziegenbock /

Romowe /

Geburt und Taufe /

Verlobung /

Hochzeit /

Totenfeier /

Christenzeit /

Die Prußen und ihr nachbarliches Umfeld /

Die Kuren /

Sprachdenkmäler /

Die Karschauer /

Die Žemaiten und die Litauer /

Die Kaschuben, Masovier, Kujavier und Polen /

Prußen heute /

Einige Orts- und Gewässernamen /

Königsberger Stadtteile /

Liste baltischer Götter, Göttinnen und Gottheiten /

Zeittafel /

Literatur /

Weblinks /

Autorin