Das gute Volk. Über mulitkulturelles Miteinander
Das gute Volk.

Über multikulturelles Miteinander
 

von Henning Eichberg
 

Wie können Menschen verschiedener Lebensformen zusammenleben? Die Widersprüche um das Miteinander unterschiedlicher Kulturen in Deutschland spitzen sich zu.

Von Kritikern der Einwanderung kann man immer wieder hören, das Konzept der multikulturellen Gesellschaft sei das eigentliche Übel, und der Konflikt darum organisiere sich entlang der Achse zwischen rechts und links. Rechts, das sei national und volksbezogen, und links sei multikulturell und antinational. Von "links" her antwortet man darauf oft, indem man diese Aufteilung akzeptiert. Von beiden Seiten erscheint es so, als ob die doppelte Staatsbürgerschaft den Kern des Problems betreffe.

Bei genauerer Betrachtung lässt sich weder das eine noch das andere halten. Die hegemonialen Widersprüche geben nur dann einen Sinn, wenn sie ganz anders beschrieben werden - nicht entlang ideologiegeschichtlicher Achsen, sondern von den aktuellen gesellschaftlichen Machtverhältnissen in Deutschland her.
 

Hegemoniale Widersprüche

Am einen Ende der Skala heisst es: "Wir brauchen Ausländer, um die Zukunft der deutschen Wirtschaft zu sichern." Und: "Darauf mu sich die deutsche Bevölkerung einstellen." Ohne Ausländerzuzug gebe es keinen Wohlstand. Als Autorität beruft man sich auf den Vorstandsvorsitzenden von Daimler-Benz, dem unterstellt wird, die Interessen der deutschen Bevölkerung besonders scharfsichtig zu erkennen und wahrzunehmen. Er fordert die Öffnung der Grenzen. (Inzwischen wurde aus Daimler-Benz der internationale Multi DaimlerChrysler A.G., mit der offiziellen Konzernsprache Englisch.)

Das erklärte Vorbild dieser Position sind die Vereinigten Staaten als Einwanderungsland und melting pot. Im Wege stehe der multikulturellen Einwanderungsgesellschaft jedoch das falsche Bewutsein der Deutschen: der "Volksgeist der deutschen Romantik", die Vorstellung von einer "nationalen Identität", letztlich der Begriff vom "Volk" selbst. All das umschreibe aber nur "Dummheit, Borniertheit und Überheblichkeit". Ein westdeutscher Verfassungspatriotismus, der sich statt auf das Volk auf "universelle Menschenrechte und die Grundwerte der Republik" beziehe, müsse dem entgegenwirken.

Das ist der Gedankengang aus der Sicht des groen Kapitals und der westdeutschen Staatsphilosophie. Ausgedrückt wurde er u.a. durch den CDU-Ideologen Heiner Geiler (1990), der für sich in Anspruch nahm, als erster den Begriff der "multikulturellen Gesellschaft" 1988 geprägt zu haben.

Dazu gibt es Widerspruch von anderer Seite: Multikulturalität - so heit es - sei eine Formel, die Weltoffenheit und Toleranz dort vorspiegele, wo sie nicht vorhanden sei. Der Blickwinkel der Multikulturalität lege es darauf an, Fremde, statt sie als Individuen zu behandeln, als "Spezies oder Marionetten ihrer Kulturen" aufzufassen und sie unter Verwendung von quasi-natürlichen Merkmalen wie Sprache, Kultur und Religion in ihrer Kultur gefangenzusetzen, um sie prognostizierbar zu machen. Begriffe wie "Volk", "Kultur" und "Ethnie" hätten jedoch keinen realen Gegenstand, sondern dienten nur dazu, Interessenkonflikte des Altags als "Kulturkonflikte" zu ethnisieren. Sie lenkten vom (sozial-rechtlichen) Hauptwiderspruch ab. Stattdessen gelte es, eine Einwanderungsgesellschaft zu schaffen, die Fremde "als Individuen" und nur als Individuen sehe und behandele. Es gebe nur eine Kultur, diejenige der Vernunft und der universellen Prinzipien der Aufklärung.

So sieht es eine Kritik, die sich als "links" versteht. Sie wurde zum Beispiel von Frank-Olaf Radtke (1991) in der Zeitschrift "Kommune" vorgetragen.

(Allerdings handelt es sich dabei keineswegs um "die linke" Kritik schlechthin. Eine italienische Einwanderin, Marcella Heine, antwortete damals in der "Kommune" aus eigener Betroffenheit heraus. Volk, Ethnie, Nation, Kultur und Muttersprache entsprächen durchaus realen Erfahrungen, sowohl realen persönlichen Erfahrungen als auch realen historisch-gesellschaftlichen Entwicklungen. Die Angst vor der Ethnisierung sei vielmehr ein "deutsches Märchen", eine "spezifische Nationalphobie mancher deutscher 'Linker'". Sie begäben sich damit jedoch in eine verhängnisvolle und ohnmächtige Abhängigkeit von den Rechten bei der Bestimmung ihrer Themen.)
 

Groe Koalition gegen das "Volk"

Die beschriebene Kontroverse um die Multikulturalität - ja oder nein - darf als eine zentrale Auseinandersetzung um das Selbstverständnis in Westdeutschland (und im späteren Growestdeutschland) angesehen werden. Sie führt auf die Grundbegriffe kollektiver Selbstdefinition zurück: Wer bin ich? Wer sind wir? Zugleich macht sie aber deutlich, in welch engem Rahmen sich die Debatte abspielt.

Beide Seiten sind sich nämlich in sehr weitgehendem Grundzügen einig: "Volk" sei ein gegenstandsloser Begriff; "Kultur" gilt als entweder ebenso dubios oder doch als so maginal, da politisches Selbstverständnis sich darauf nicht zu beziehen habe. Der Bezugspunkt ist stattdessen in dem einen wie dem anderen Falle allein das Individuum mit seinen universalen Grundwerten. Allerdings ist der Bezug auf die Menschenrechte dabei nicht so entschieden, wie vorgegeben. Dem Individuum wird nämlich implizit das Menschenrecht abgesprochen, Völker und Gemeinschaften zu bilden.

Solche Konstruktion hat einen realen Bezugspunkt: Deutschland müsse zum Einwanderungsland werden. Auch das hat eine Einschränkung von Menschenrecht zur impliziten Folge: Es gebe zwar ein Recht auf Einwanderung, aber kein Recht, bei sich selbst zuhause zu sein.

Diese groe Koalition gegen das "Volk" ist von tiefen äueren und inneren Widersprüchen geprägt. Der äuere Widerspruch ist besonders derjenige zwischen der theoretischen Nichtanerkennung des Volkes und der praktischen Erfahrung von volklichem Nationalismus seit dem Zusammenbruch des Sowjetreiches 1989. Je vehementer immer mehr Völker real ihre politischen Rahmenbedingungen neuschaffen, miteinander zusammmenstoen oder auch sich als Nationen neu konstituieren, um so verzweifelter wirkt der deutsche Ruf, dies alles seien nur Miverständnisse und Konstruktionen. Eine Friedenspolitik lät sich auf der Grundlage eines solchen Nicht-zur-Kenntnis-nehmen-wollens nicht aufbauen.

Dem entsprechen die inneren theoretischen Widersprüche. Wo das Wort " multikulturell" positiv besetzt wird, da wird es zugleich benutzt, um das Kulturelle, das Ethnische und Volkliche abzuwerten und es zum politisch irrelevanten Annex des Lebens zu erklären. Kultur gilt als so etwas wie Volkstanz, Tracht oder das Angebot auf der Speisekarte. Kultur kann man gelten lassen als das - tolerierte - Ornament der "universalen Werte" und des schlechthinnigen Individuums, als innere Buntheit des Staates und als Randfaktor von Produktion und Konsumtion. Wo hingegen das Wort "multikulturell" negativ besetzt wird, da lät man doch keine Gelegenheit aus, auf "die Deutschen" herunterzuhacken, so als seien sie eben doch ein Volk und damit ein kulturelles - wenngleich negativ besetztes - Kollektiv. Und die prinzipielle Abweisung des Kulturbegriffs hält nicht davon ab, ebenso prinzipiell auf "interkulturelle Verständigung" (Radtke) zu setzen. Was aber ist interkulturelle Verständigung ohne Kulturen?
 

Die "Ausländerfrage" - eine Deutschenfrage

Es griffe zu kurz, solche theoretischen Blamagen dem intellektuellen Hohn auszusetzen. Dazu spiegeln sie - als Verwirrung im begrifflichen Überbau - zu viele reale Ängste und Traumata. Und sie erinnern zu fatal an eine spezifisch deutsche Geschichte. Auch das nazistische Deutschland hat die Juden, die es zu vernichten suchte, eben nicht als Volk oder Kultur anerkannt. Ausdrücklich sprach die nazistische Ideologie dem "Judentum" die Eigenschaft, Kultur zu bilden, ab. "Der Jude", so hie es, sei von Grund auf anti-kulturell, sei "Parasit" und "Ungeziefer". Er sei nicht Mensch, sondern "Untermensch". Auch die Sinti und Roma wurden als "Kriminelle" und "Asoziale" verfolgt, nicht als Kultur oder Volk. Auf eine eigentümliche Weise hat sich diese Nichtanerkennung von Völkern nach 1945 in Westdeutschland fortgesetzt und verallgemeinert. Insofern hat die Nichtanerkennnung seiner selbst (der Deutschen) als Volk ihre historischen Wurzeln in der - mörderischen - Nichtanerkennung der Anderen, die damit nicht korrigiert, sondern universal ausgeweitet wurde: "Es gibt überhaupt kein Volk".

Das "deutsche Märchen", wie Marcella Heine es nannte, ist also mehr: ein deutsches Trauma von fataler Kontinuität.

Seine Bearbeitung wäre eine deutsche Psychoanalyse. Was nottut, ist eine kritische Selbstprüfung. Auch in sofern ist die "Ausländerproblematik" keine Ausländerfrage, sondern eine Deutschenfrage. Die Einwanderer sind ihr Opfer.

Wenn man solcherart die Widersprüche um die "Multikulturalität" ernstnimmt, kann man sich deren historischen Stellenwert nähern. Ist die Multikulturalität tatsächlich, wie oft behauptet, ein spezifischer Gewinn der - europäischen, westlichen, industriellen - Moderne?
 

Die Dialektik der Moderne

Die multikulturelle Gesellschaft ist bei genauerer Betrachtung

weder neu in unseren Tagen, noch überhaupt spezifisch für die Moderne. Sie hat ihre Wurzeln tief in der Geschichte toleranter Gesellschaften - oder auch solcher Gesellschaften, die, obwohl ideologisch intolerant (z.B. christlich), zur Toleranz genötigt waren. Z.B. lebten im vorindustriellen Deutschland:

- Juden mit ihren selbstverwalteten Gemeinden

- Sinti und Roma mit ihren eigenen Häuptlingstümern

- Sorben und Wenden in Mitteldeutschland, in der Lausitz und im Wendland

- Dänen und Friesen in Schleswig.

Diese kulturelle Vielfalt war keineswegs spannungs- oder konfliktlos. Aber sie beruhte auf vielfältigen lokalen Überschneidungen und Verflechtungen von Volkskulturen, war also alles andere als eine "reinliche Scheidung". Hinzu kam die innere Multikulturalität der Deutschen :

- Plattdeutsche, Hochdeutsche, Oberdeutsche

- Katholiken, Lutherische, Reformierte, Wiedertäufer, Pietisten

- Franken, Bayern, Alemannen, Schwaben, Hessen, Tiroler, Schlesier...

Abermals hinzu kamen soziale Subkulturen, die eigene "Stände" bildeten, mit eigenen Sitten, Gebräuchen, Selbstorganisationen, Kleidungen und Sprachen:

- zünftlerische Handelsbürgertum, grobürgerliches Patriziat, freie Bauern, Fronbauern, Landadel, höfischer Dienstadel

- Mönche in ihren Lebensgemeinschaften ausserhalb der "Normalität"

- fahrende Leute, Spielleute, "weie Zigeuner" (jenische Tinker)

- Scholaren (nomadisierende Jungintellektuelle)

- unterständische Plebejer, Bettler mit ihren "Bettler-Königen" u.a.

Die Moderne brachte nun nicht etwa eine "Befreiung" und "Gleichstellung" aller dieser Gruppen. Sondern sie hatte ein doppeltes Gesicht. Einerseits setzten sich aufgeklärte Intellektuelle für eine Anerkennung "anderer" Kulturen als gleichwertig ein, und Lessing schrieb seinen "Nathan der Weise" über das Verhältnis von Christen, Juden und Moslems. Andererseits aber versuchten die modernen Staaten und Gesellschaften mit administrativer oder auch mit roher Gewalt, die bislang bestehende Multikulturalität auszurotten.

Ein Beispiel war das jakobinische Frankreich, das sich nach 1789 in den Kampf warf gegen Bretonen, Elsässer, Korsen, Katalanen, Bauernkulturen und andere "innerfranzösische" Kulturen. Ein anderes Beispiel war die nordamerikanische Indianervernichtung.

Hier kamen die Praxismuster und Ideen der "Reinheit" in ihrer modernen Form auf, die im 20. Jahrhundert einen makabren Höhepunkt erreichten:

- Massenvernichtung in Konzentrationslagern, in deutschen KZs

- "Systematisierung" in Ceaucescus Rumänien, die Einebnung der Dörfer, insbesondere der Dörfer der ethnischen Minderheiten

- "ethnische Säuberung" in Serbien, im Kossovo und in Bosnien.

Als Gegenkonzept unter den Bedingungen der Moderne wäre ein "Zurück" zur multikulturellen Ständegesellschaft jedoch eher unrealistisch und ein Stück wohlgemeinter Romantik. Hingegen geht es darum, neue Konzepte auf der Grundlage moderner - oder nachmoderner - Identitäts- und Entfremdungserfahrungen zu entwickeln. Das ist der Versuch des Ethnopluralismus: unter Anerkennung der Pluralität der Ethnokulturen - im Sinne Lessings und Herders - deren Selbstbestimmung und Selbstverwaltung zu ermöglichen, also föderale Strukturen. Demokratie von unten zu denken, das heit: vom Volk - und also von den Völkern und Volksgruppen her zu denken.
 

Linke und Rechte im Dilemma

"Rechte" und "Linke" im Sinne der herkömmlichen Moderne haben es gleichermaen schwer mit dem Ethnopluralismus und der Multikulturalität. Die seit dem 19. Jahrhundert herangewachsene "Rechte" verband sich überwiegend eng mit dem Konzept der "Reinhaltung" von Identität und Volk. Das mute nicht, konnte aber in seiner Logik zur nazistischen Ausrottung von Juden, Zigeunern, Homosexuellen u.a. führen. Und zur Zwangsaussiedlung von Südtirolern nach dem Osten, von Baltendeutschen nach Westen, von Hannoverschen "Wenden" nach der Ukraine ...

Nach 1945 war es auch eine "rechte" Regierung, die in den 1950er Jahren die Anwerbung von ausländischen Arbeitern betrieb. Die "Gastarbeiter" dienten als soziales Pressionsmittel des deutschen Kapitals gegen die deutsche Arbeiterklasse. Das war der Startschu für die gegenwärtige deutsche Einwanderungsproblematik. Es war also die deutsche Rechte, die den fatalen Zirkel produzierte: Erst wirbt das "rechte" Kapital ausländische Arbeiter an, und zwar gegen den Widerstand der Arbeiter, der Linken und auch gegen die damals dokumentierte marxistische Kritik - und dann mobilisiert die "Rechte", dieselbe CDU, die Fremdenfeindlichkeit gegen die Einwanderer, um damit ihre Wahlerfolge zu sichern.

Die "Linke" war sich demgegenüber keineswegs im klaren über ihre Position hinsichtlich der Einwanderungs- und Identitätsproblematik. Zum Teil arbeitete sie strikt in Richtung auf chauvinistische Gleichschaltung und Auslöschung der Kulturenvielfalt und der Minderheiten. So verfuhren die französischen Jakobiner und das kommunistische Rumänien, Bulgarien gegen seine Türken, Serbien gegen Slowenen, Kroaten, Bosnier und Kossovo-Albanier, China gegen die Tibetaner. Und in Deutschland rechtfertigte man unter dem Schlagwort eines abstrakten Internationalismus nachträglich die Einwanderungspolitik des groen Kapitals und erklärte das hochbesiedelte und ökologisch überbelastete Deutschland zum "Einwanderungsland". Andererseits - und im Kontrast zum abstrakten Internationalismus und zum realen Chauvinismus - stammen die wichtigsten Beiträge zur Theorie des Ethnopluralismus von Sozialisten, Anarchisten und anderen radikaldemokratischen Linken, von Michael Bakunin, James Connolly, Martin Buber ...

Die theoretische Herausforderung steht noch offen. Sie betrifft, konkret, besonders das Verhältnis von Multikulturalität und Einwanderung. Masseneinwanderung erzeugt Angst, insbesondere in Unterschichten, die ohnehin dem gesellschaftlichen Stre besonders ausgesetzt sind. Diese Angst übersetzt sich leicht in Projektionen - schuld seien "die anderen" - , in Abgrenzungen, in Fremdenfeindlichkeit und Aggression. Statt sich gegen die Entfremdung, gegen das herrschende System, zu wenden, wendet man sich gegen "die Fremden", gegen Menschen. Eben dieser Zirkel aus Angst und Aggressions gefährdet das multikulturelle Zusammenleben oder macht es unmöglich.

Gegen die Produktion von Angst haben die bürgerlichen Propagandisten der Masseneinwanderung bisher keine Lösung gefunden, und ihre "linken" Mitläufer ebensowenig. Damit tragen sie dazu bei, die Verwirklichung der multikulturellen Gesellschaft zu verhindern. Die multikulturelle Gesellschaft ist aber eine humane Aufgabe ersten Ranges. Kann die multikulturelle Gesellschaft unter den gegenwärtigen Bedingungen vielleicht nur im Rahmen des gesicherten Nationalstaats garantiert werden? Der Zusammenbruch des "Schmelztiegels" USA spricht dafür, als ein Negativbeispiel. Ein Positivbei- spiel sind die skandinavischen Nationalstaaten. Sie haben gerade als demokratische Kleinstaaten auf volklicher Basis - Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland, Färöer, Åland, Grönland, Island - die Minderheitenprobleme und die Asylantenprobleme einhegen können.

Gewiss, es gibt auch dort Spannungen. Aber die Frage stellt sich doch: Kann vielleicht nur der demokratische Nationalstaat - jedenfalls unter heutigen Bedingungen - eine humane Multikulturalität und damit einen gesicherten Frieden im Alltag zwischen den Völkern verwirklichen?

Das ist eine Herausforderung insbesondere an die linke Theorie. Sie ist bisher in ihrer Kritik jener "Dialektik der Aufklärung" (Horkheimer/Adorno) am nächsten gekommen, die das Doppelgesicht der Moderne ausmacht - von Befreiung und Ausrottung, von Anerkennung des Fremden und Gleichschaltung. Nicht aus theoretischem Luxus heraus, sondern aufgrund schmerzhafter jüngster Problematik gilt es, daraus weiterführende Konsequenzen der Systemkritik zu ziehen.
 

"Der Mensch ist gut"

Warum soll es aber gerade die linke Theorie sein, von der der entscheidende Beitrag zum Problem von Volk, Identität und Multikulturalität zu erwarten ist? Sind die Begriffe von "rechts" und "links" nicht mit der Krise der klassischen Moderne gegenstandslos geworden?

Dafür spricht in der Tat einiges. Und doch, es ist keineswegs gleichgültig, an welche Denkvoraussetzungen man in der "Postmoderne" anknüpft.

Wenn überhaupt die Begriffe "links" und "rechts" in der Gesellschaft der klassischen industriellen Moderne einen Sinn hatten, der über das - inhaltslose, bewegungsformale - "Vorwärts" und "Zurück" (oder "Beharren") hinausging, so diesen: "Linkes" Denken ging davon aus, da der Mensch letztendlich doch gut sei, dass man ihm vertrauen und ihn zum Ausgangspunkt gesellschaftlicher Verbesserung nehmen könne. Der Mensch und das Volk sind gut. Insofern war der positive Volksbegriff seit Herder - in Nachfolge des abfälligen "plebs" - ein linker Begriff.

"Rechtes" Denken hingegen mitraut dem Menschen fundamental. Der Mensch sei schlecht, verdorben durch den Sündenfall oder aber ein Tier von seinen biologischen Ursprüngen her. Als böses, unordentliches Wesen, als "Sünder" und als "Raubaffe" bedürfe der Mensch der Institutionen und der Diziplinierung, der Kontrolle von auen und von oben. Der Mensch und das Volk sind schlecht - darum die besondere Rolle des Staates, der Polizei oder anderer traditionaler Hierarchien. Ohne Macht nähmlich sei vom Volk Schlimmes zu befürchten, nicht zuletzt die Revolution.

Diese unterschiedlichen Haltungen rechts und links sind keineswegs durch empirisches Wissen bestimmt, denn mit Empirie lät sich das eine wie das andere belegen. Sie repräsentieren vielmehr unterschiedliche Anthropologien. In ihnen kamen unterschiedliche philosophische Bilder von Menschen zum Ausdruck, also letztendlich unterschiedliche Mythologien darüber, was der Mensch und seine Kollektivität, das Volk, sei.

Wenn die Rechts-Links-Konfiguration unter diesen Aspekt näher betrachtet wird, verliert sie viel von ihrer fälschlich angenommenen oder angematen Eindeutigkeit. Die Qualität "links" zum Beispiel ist nie gesichert. "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" - auf dieser Schiene fuhren groe Teile der deutschen Linken aus der linken Anthropologie heraus, in den Stalinismus hinein, aber auch über diesen hinaus.

Der Mangel an Eindeutigkeit macht jedoch das Muster Rechts/Links nicht unbrauchbar. Er verleiht ihm einen kritischen und moralischen Zug. "Niemand kann knechten, ohne selber Sklave zu sein: Ich als Russe sage Euch das" - rief 1848 Michael Bakunin den Slawen zu, warnend und treffend. Der NS-Staat hat gezeigt, wie sehr das auch für die Deutschen gilt. Nie in der Geschichte der Moderne haben die Deutschen sich selbst mehr geschädigt als durch den NS-Terror gegen Juden, Zigeuner und Slawen - geschädigt durch Zerstörung groer Teile des deutschen, des deutsch-jüdischen Volkes, geschädigt an der deutschen kulturellen Stellung in der Welt, geschädigt, indem man sich selbst, als deutscher "Herrenmensch", real zum Sklaven machte, auch über 1945 hinaus.

Wer sein Volk liebt, kann keine ausländischen Asylsucher schlagen - das ist der aktuelle Bezug. Wer sein deutsches Volk liebt, schändet keinen jüdischen Friedhof. Wer die anderen hat, hat sich selbst.

Aber auch in Bezug auf die "Antirassisten" enthält dieser Zusammenhang vom "guten Volk" eine Herausforderung. Wer die Fremden schützen will, wem es um mitmenschliches und zwischenmenschliches Zusammenleben geht, der kann nicht rufen: "Deutschland verrecke". Wie auch immer man sie wendet, diese Parole und die ganze in ihr enthaltene Botschaft vom "schlechten Volk" bleibt strukturell eine Naziparole, eine Version von "Juda verrecke". Sie macht als Projektion deutlich, wie wenig sich 1945 verändert hat. Sie kann nicht "links" sein, da sie dem Grundvertrauen zum Menschen und zum Volk widerspricht; sie bleibt in ihrem Grundmuster ein rechtsextremer Aufschrei.

Wählt man für das ethnopluralistische Denken den - im Sinne der klassischen Moderne - "linken" Denkansatz vom "guten Volk", der die Kritik der "schlechten Gesellschaft" bedingt und mit sich zieht, so sind allerdings die theoretischen Probleme keineswegs gelöst. Man steht an einem neuen Anfang.

Drei Problemkreise stellen sich gegenwärtig in besonderer Schärfe: die Frage ethnokultureller Hegemonie, die Frage der Neokulturalisierung und die Frage der Entfremdung.
 

Hegemonie und Dialog

(1.) Die multikulturelle Gesellschaft bedeutet nicht - und bedeutete nie - ein wie auch immer zu berechnendes "Gleichgewicht" der Kulturen. Kulturen sind viel zu komplex, als da sie "gleichgestellt" sein könnten. Voraussetzung des multikulturellen Zusammenlebens ist vielmehr die Anerkennung des Anderen, das ethnopluralistische Akzeptieren. Wie schwer das ist, zeigte sich immer wieder, auch im Unvermögen deutscher Linker, den türkischen Fundamentalismus in Deutschland, Koranschulen, Moscheen, Schleier und Derwischorden "anzunehmen". Multikulturalität ist kein spannungs- und konfliktloses Nebeneinander wie auf der Speisekarte oder im Supermarktangebot.

Jede multikulturelle Gesellschaft ist von irgendeiner Form kultureller Hegemonie geprägt. Dänemark basiert vorwiegend auf einer dänischen Volks- und Kulturtradition, Ungarn auf einer ungarischen, Frankreich auf einer (nord-)französischen. Die Schweiz besteht aus hegemonial deutschen (alemannischen), französischen und italienischen Kantonen. Und die USA sind bis auf weiteres das Land der WASPs, der White Anglo Saxon Protestants.

Die skandinavischen Länder mit ihrer - relativen - "Nahdemokratie", mit aktiver Toleranz gegenüber Minderheiten und 200 Jahren Friedenssicherung sind ein Beleg dafür, da Hegemonie das multikulturelle Zusammenleben nicht belasten mu. Es liegt sogar nahe weiterzufolgern: Vielleicht ist eine demokratisch gesicherte nationale Identität und damit eine - weitgehend - angstfreie kulturelle Hegemonie die Voraussetzung für ein multikulturelles Miteinander in Frieden.

Erst bei solchem Vergleich wird das deutsche Dilemma in seinem Umfange sichtbar: Die Identität ist beschädigt - Man zelebriert die Nichtanerkennung seiner selbst - Man flieht vor der Einsicht in die eigene Hegemonie - Feindbildern und Projektionen werden produziert - Es entsteht die Gewalt. Das dialogische Prinzip (Martin Buber) hat hier denkbar ungünstige Voraussetzungen. Aber nur dialogische Qualitäten, auch das lät sich den skandinavischen Erfahrungen entnehmen, können der kulturellen Hegemonie ihre destruktiven Potentiale nehmen. Dialog in Deutschland?
 

Neue Stämme?

(2.) Ebenso wie es schwerfällt, Spannung und Hegemonie in die Multikulturalität hineinzudenken, ebenso schwer ist es, die historische Veränderung in den Volksbegriff einzubeziehen. In Volk und Kultur liegen zwar ein hoher Grad an Kontinuität - "Die Hitlers kommen und gehen, aber das deutsche Volk bleibt", wie Stalin gesagt haben soll - aber doch keine Unveränderlichkeit. Gerade Einwanderungsprozesse haben das immer wieder sichtbar gemacht, durch die Konstituierung neuer "Völker im Volk". Früher nannt man sie auch "Stämme", und das ist eigentlich kein schlechter Begriff in einer Zeit, da der Sioux-Lakota Vine Deloria zu bedenken gab: "Nur Stämme werden überleben". In diesem Sinne gab es ein jüdisch-deutsches "Volk" (oder einen jüdischen "Stamm" des deutschen Volkes, wie einige nationaldeutsche Juden der Zwischenkriegszeit es ausdrückten). Kultur heit eben nicht nur Bewahrung, sondern auch Neuentstehen, Neokulturalisierung.

Unter dem Aspekt der Neokulturalisierung ist gerade die aktuelle "Volksbildung" durch Einwanderung zu beachten. Die von groem Kapital eingeleitete und forcierte Einwanderung hat nicht nur Individuen nach Deutschland gebracht, sondern kulturelle Gruppen. Bestimmt durch mitgebrachte nationalkulturelle, sprachliche und religiöse Traditionen einerseits und durch Fremdheitserfahrungen andererseits, sind sie dabei, neue Identitäten herauszubilden. Das gilt vor allem von der zweiten und dritten Einwanderergeneration ab, die weder eindeutig mit ihrer Herkunftskultur noch mit ihrer "Gast"-Kultur identifiziert sind.

Das faszinierendste Phänomen ist gegenwärtig wohl die Neokulturalisierung eines deutsch-türkischen Volkes (oder türkisch-deutschen "Stammes"). Die türkischen Deutschen als kulturelles Kollektiv sind einerseits mit der deutschen Territorialität, Sprache und Sozialität verbunden, in der sie als "Heimat" aufgewachsen sind, und andererseits mit der islamischen Religion, die sie mit den sie umgebenen deutschen Deutschen eben nicht gemeinsam haben. Diese islamische Religiosität mu allerdings auf die Dauer auch nicht identisch mit und abhängig vom türkischen Islam bleiben. Hier sind komplexe Verselbständigungsprozesse in gegenläufige Richtungen abzusehen - in die fundamentalistische, die laizistische, die mystische. Die türkischen Deutschen sind ferner mit der deutschen Sprache in ihrem Arbeitsalltag und in ihrer Auenkommunikation verbunden - und zugleich mit ihrer türkischen Muttersprache bzw. der Muttersprache ihrer Vorfahren. Auch diese Situation enthält Potentiale dritter Entwicklungen. So wie einst das jüdisch-deutsche Volk das Jiddische hervorbrachte, das neben dem Hochdeutschen die weltweit wohl bedeutendste deutsche Sprache und ein wesentliches Stück deutschen kulturellen Reichtums wurde.

Den türkisch-deutschen Stamm zur Kenntnis zu nehmen, bedeutet keineswegs die Annahme falscher Homogenität. Einzelne Individuen aus dieser Neokulturation werden immer wieder in andere Identitäten übergehen oder überzugehen versuchen, zu deutschen Deutschen oder zu türkischen Türken. Das ändert nichts an Bestehen der neuen kollektiven Volkskultur als solcher. Ebenso sind Juden als einzelne immer wieder zu ihren "Wirtsvölkern" übergetreten, vielleicht hat sich sogar, alles in allem, die Mehrheit aller Juden assimiliert. Und dennoch hat die jüdische Identität überlebt.

Ferner ist auch innerhalb des türkisch-deutschen Volkes von Anfang an nicht mit kultureller Uniformität zu rechnen. Islamischer Fundamentalismus, Säkularisierung und Sufimystik stehen hier einander gegenüber, Graue Wölfe und Maoisten, nicht zu vergessen die in der Türkei selbst verfolgten Völker und Minderheiten wie Kurden, Assyrer und Jezidi. Aber auch die Schlesier waren nie eins (sondern protestantisch oder katholisch), die Hessen ebensowenig (linke Sozialdemokraten, kleinbürgerliche Antisemiten, konservative Christdemokraten...).

Und wieder verweist das Verhältnis zu den Anderen auf das Verhältnis zum Eigenen. Warum fällt es uns Deutschen so schwer die Anderen als - türkisch-deutschen, jüdisch-deutschen - "Stamm" anzuerkennen? Weil wir unsere eigenen deutsch-deutschen Stämme ausgelöscht haben? Was wird mit uns, wenn "nur Stämme überleben" werden?
 

Gegen Fremde oder gegen die Entfremdung

(3.) Wenn es also um die Anerkennung der Neokulturalisierungen geht und wenn diese in der deutschen Geschichte gar eine Bereicherung des deutschen Volkes gebracht haben, sollte man dann nicht doch - so mag man fragen - die Grenzen öffnen und Deutschland zum Einwanderungsland erklären?

Dieser Schlu, so logisch er erscheint, ist ein Kurzschlu. Er macht die Rechnung ohne die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland, ohne die industrie-kapitalistische Entfremdung.

Dem industriellen Kapitalismus ist eine Schraube immanent aus Leistungsstress und existenzieller Unsicherheit. Jeder ist "seines Glückes Schmied" - und wird dann arbeitslos, weil irgendein Konzern sich mit irgendeiner Marktstrategie vertan hat. Eine kalte Gesellschaft ist entstanden, die mit mythologischen Begriffen wie "Leistung", "Mobilität" und "Karriere" dem Menschen erst etwas vorspiegelt und ihn dann fallen lät. Eine solche Gesellschaft hält die Masseneinwanderung in ihr ökologisch bereits hochbelastetes und hochverdichtetes Territorium nicht aus, ohne gewalttätige Reaktionen zu zeigen.

Da diese Reaktionen sich gegen fremde Menschen, gegen Flüchtlinge und Vertriebene aus anderen Ländern richten, ist das Problem: gegen Fremde statt gegen die Entfremdung. Einst hatte es die Linke als ihrer Hauptaufgabe angesehen, den Kapitalismus wegen seiner strukturellen Inhumanität anzugreifen. Um des "guten Volkes" willen ging es gegen die kapitalistisch verfate "schlechte Gesellschaft". Dass dieses Selbstverständnis zusammengebrochen ist, ist mehr als nur ein intellektuelles Dilemma, es ist Teil eines sozialen Dramas. Die Arbeiterviertel, die überproportional "republikanisch" oder DVU wählen, und die jungen kahlgeschorenen Proletarier, die armseligen Flüchtlingen die engen Zimmer anzünden, sind Ausdrucksformen der linken Krise. Eine "Linke", die die Kritik des Kapitalismus ersetzt durch das Schlagen jugendlicher Opfer der Gesellschaft - "Haut die Glatzen, bis sie platzen" - trägt selbst zu einem Rassismus ohne Alternativen bei.

Die Alternative ist aber weiterhin und erneut eine "warme Gesellschaft", in der die Liebe zum Anderen mit dem Vertrauen in das Eigene zusammenhängt, das eine untrennbar mit dem anderen verbunden. In der Fremde, Verfolgte und Vertriebene Asyl finden, ohne Angst und Verfolgungswahn auszulösen. In der es zum Selbstverständnis des "guten Deutschen" gehört, den Fremden zu schützen - um seiner eigenen Selbstachtung willen. Solange im Hauptwiderspruch der (west-)deutschen Ideologien jedoch kein Platz ist für das "Volk" und seine "Identität" kann sogar das gutgemeinte Gespräch über die Multikulturalität nur entgleisen.

Wo das "gute Volk" nicht gedacht werden darf, zeigt es sich von der hälichen Seite.
 

Ein Nachtrag über Vertreibung, Nichtanerkennung und das ungute Volk

Eine besondere Rolle in der innerdeutschen Multikulturalität, im Verhältnis zwischen dem deutschen Volk und seinen Stämmen, spielt die grosse Vertreibung von 1945. Als nach dem Krieg plötzlich ostdeutsche Flüchtlinge und Vertriebene ein Viertel der westdeutschen Bevölkerung ausmachten, da stellte sich eben nicht nur die Aufgabe eines Integrationsprozesses, wie er bis dahin in Deutschland nicht vorgekommen war. Sondern - ja, was eigentlich?

Die westdeutsche Politik verfolgte das Staatsziel der Integration. Sie erschien zunächst als unproblematisch humanitär, und ihr ökonomischer Erfolg war geeignet, die Ostdeutschen zur Klientel der westdeutschen bürgerlichen Politik zu machen. Das Staatsziel Integration entwickelte aber eine eigene Dynamik, die vom sozialen Ausgleich über die politische Besänftigung hin zu einer eigentümlichen Identitätspolitik führte, zur Umerziehung der Ostdeutschen zu Westdeutschen. Sukzessive ging es darum, die Vertreibung schönzureden, psychisch wegzudrücken und langfristig zu rechtfertigen.

Besonders aussagekräftig waren die historisch rückwirkenden Umbenennungen Ostdeutschlands in "Polen" und "Tschechoslowakei" (bis daraus "Tschechien" wurde). Daher rührt auch die westdeutsche Irritation über das nördliche Ostpreussen, für das gegenwärtig ein Name noch oder wieder aussteht - ein russischer? polnischer? litauischer? sowjetdeutscher? ostpreussischer? Die Umbenennungspolitik war verbunden mit einer Neubenennung von Sachsen, Thüringen etc. als "Ostdeutschland", wie sie im Zuge einer rückwirkenden Nichtanerkennung der DDR vorgenommen wurde. Die offizielle Sprachregelung will nun auch Länder wie "Schlesien" aus dem Sprachgebrauch verschwinden lassen. Sie sollen ersetzt werden durch die "korrekte" Konstruktion "Ostmitteleuropa" - die zugleich Ansprüche des projektierten Reiches "Europa" anmeldet.

All das ist mehr als eine bürokratische Namensadministration. Sondern hier wird auf eine Politik des Verschwindens gezielt - der DDR (und Nazideutschlands...) ebenso wie der ostdeutschen Länder. Damit findet die eigentliche innere Vertreibung der Ostdeutschen statt. Erst in den 1980/90er Jahren wurde die Nichtanerkennung der ostdeutschen Stämme offiziell: "Eigentlich sind 'wir Deutschen' doch alle Westler." Für diese Vertreibung der Ostdeutschen tragen weder Polen noch Russen die Verantwortung.

Sie geschieht nicht zufällig zu einem Zeitpunkt, da neue Vertreibungen sich am Horizont abzeichnen und neue Züge von Vertriebenen ihren Weg nach Deutschland nehmen. Es kamen Sowjetdeutsche aus Kasachstan, Rumäniendeutsche, Kurden aus Anatolien, Bosnier, Kossovoalbaner... Die westdeutsche Politik war im Rahmen des europäischen Projekts teils passiv, teils aktiv an den neuen Vertreibungen beteiligt, sowohl durch die Tolerierung und Ermunterung der serbischen Vertreibungen als auch durch die Militärhilfe an den türkischen Kriegsstaat. Vor allem aber gibt es eine konzeptionelle Mittäterschaft. Sie beruht darauf, die Existenz von Völkern nicht anzuerkennen. Das Prinzip der Nichtanerkennung bildete den Zusammenhang der neuen Vertreibungen mit denjenigen von 1945. Und ein fataler Zirkel verbindet die Nichtanerkennung der ostdeutschen Stämme mit der Vertriebenenproblematik der Einwanderer und "Asylanten" in den neunziger Jahren.

Insofern ist die Solidaritätsarbeit, wie sie die Gesellschaft für bedrohte Völker vertritt, das Gegenbild par excellence zum westdeutschen Staatsprinzip. Solidarität beginnt nämlich mit der Anerkennung. Die "Väter des Grundgesetzes" hingegen verwehrten und verwehren sich weiterhin dagegen, die volklichen Minderheiten der Dänen, Friesen, Sorben, Sinti und Roma in der (west-)deutschen Verfassung anzuerkennen. Diese Abwehr kann man in einem Zusammenhang mit der prinzipiellen Weigerung sehen, die Verfassung einer Abstimmung durch das Volk zu unterwerfen, wie es einer demokratischen Verfassung anstünde. Der gemeinsame Nenner ist die Nichtanerkennung des Volkes, der Völker.

Die westdeutsche Staatsräson beruht eben nicht auf dem "guten Volk", sondern auf einem prinzipiellen Misstrauen gegen das Volk als ein ungutes. Gegen das eigene und gegen die anderen. Das ist das Erbe der klassischen "Rechten". Die ethnischen Minderheiten und die Vertriebenen sind dafür ein Indikator - als Vorwarnung für die Vertreibungen von morgen, für die die neuen Vertreiber schon bereitsstehen. Insofern darf man daran zweifeln, dass auf solcher Grundlage jemals ein demokratisches - und in diesem Sinne "linkes" - Gemeinwesen hervorgehen kann. Jedenfalls machen unter den Bedingungen des westdeutschen Verfassungspatriotismus Anerkennung und Solidarität die eigentliche Subversion aus.

Die Einsicht in den Zirkel von Nichtanerkennung und Vertreibung und Nichtanerkennung ... ist bislang dadurch behindert worden, dass es gelang, die Opfer der unterschiedlichen Vertreibungen sozial aufzuspalten und politisch gegeneinander zu verwenden. Die Ostvertriebenen verarbeiteten ihr Trauma häufig mit "rechten" Orientierungen und liessen sich damit gegen die "linke Asylantenpolitik" und gegen die neuen Vertriebenen aufbringen. Und die Verfechter eines erweiterten Asyls neigen ihrerseits dazu, die Ostvertreibungen zu bagatellisieren oder zu rechtfertigen. Damit wurde die deutsche Rechts-Links-Parzellierung erneut fatal wirksam - und staatstragend.

Wenn man genau hinhört, so mag man jedoch vernehmen, dass in den 1990er Jahren die Integration als Umerziehung an ihre Grenzen gestossen ist. Unter jüngeren Menschen, aber auch unter älteren, die ihre Herkunft im Osten haben, zeigt sich eine neue Unwilligkeit. Deren konkrete Ausprägung - sei es als ein neuer Rechts- oder Linksradikalismus - ist dabei von zunächst untergeordneter Bedeutung gemessen an dem neuen Gefühl, nicht beheimatet zu sein. In diesem Sinne ist die jüngste Wende von Horst Mahler, geboren in Haynau in Schlesien, aufschlussreich (und weniger wegen seiner hegelianischen Neubegründung nationalistischer Positionen). Im Auseinanderdriften von Westdeutschland und der nunmehr "Ostdeutschland" genannten Ex-DDR seit 1989 öffnet sich die Identitätsfrage der eigentlichen Ostdeutschen neu. Von der Kluft zwischen "Wessis" und "Ossis" her eröffnet sich eine neue Sicht der "dritten Deutschen" und ihrer Entheimatung. Das geschieht parallel dazu, dass auch eine junge Generation in Schlesien, Nordostpreussen etc. von ihrem polnischen, russischen etc. Kontext her die Frage der Beheimatung neu aufwirft; Ulla Lachauer ("Die Brücke von Tilsit") hat das lebendig beschrieben.

Dann und wann macht auch die Identitätsgeschichte eben Sprünge - und wer weiss, was da auf uns zukommt? Vielleicht erscheinen die Ostdeutschen wieder. Als ein neuer Stamm? Wie auch immer - so leicht lassen Völker sich nicht wegdrücken.
 

(Eine ersten Fassung des Aufsatzes erschien in: "Ästhetik und Kommunikation" Nr.84, Februar 1994. Um den "Nachtrag" erweitert, wurde der Text nachgedruckt in: "Wir selbst" Nr.1/2, 1999.)